Wahlthema

Digitalisierung

+ Digitalisierung im Medizinstudium: Lehre durch Digitalisierung verbessern.

Digitalisierung im Medizinstudium: Lehre durch Digitalisierung verbessern
Der Hartmannbund fordert die verbindliche curriculare Verankerung von Digitalisierung im Medizinstudium. Ebenfalls sollte Digitalisierung in der Hochschullehre von den Hochschulleitungen und Lehrenden besser gefördert werden. Dies erfordert eine bessere digitale Infrastruktur an den Universitäten und die systematische Etablierung von neuen Lehrund Lernformaten.

Begründung: Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft und damit auch die Arbeits- und Berufswelt des Arztes. Ob Telemedizin und neue Kommunikationsmedien oder “smart devices” und Apps, in Zukunft werden diese Medien eine noch größere Rolle in unserem Leben spielen. Immer mehr (Gesundheits-)Daten werden digital erfasst und ausgewertet. Wie nutzt man diese Daten sinnvoll und was gibt es hinsichtlich des Datenschutzes zu beachten? Wo wird der Arzt oder die Ärztin zukünftig von künstlicher Intelligenz sinnvoll unterstützt? Wie kann man soziale Netzwerke in der Forschung nutzen? Fragen wie diese werden für den Arzt von morgen von wachsender Bedeutung sein, weshalb eine Verankerung digitaler Themen im Curriculum des Medizinstudiums unumgänglich ist. Das Erlangen von Fachwissen und Expertise in diesen Bereichen sichert die Stellung des Arztes im Gesundheitswesen von morgen und befähigt dazu, den Wandel des Gesundheitswesens aktiv mitzugestalten.

Ebenfalls mit dem Digitalisierungsprozess verbunden ist die Diskussion um die Gestaltung der Hochschullehre. Die zukünftige Ausrichtung des Medizinstudiums wird kompetenzorientierter. Hier gibt es zunehmend Möglichkeiten, individuelles Lernen durch digitale Formate zu unterstützen. Diese sind deutschlandweit an den medizinischen Fakultäten noch sehr inhomogen verteilt und scheinen kein integraler Bestandteil der Lehre zu sein. Es liegt jedoch zunehmend im Trend digital, mobil, interaktiv und personalisiert zu lernen, denn digitale Lernund Lehr(platt)formen sorgen für eine Erweiterung der didaktischen und methodischen Handlungsoptionen.

Das Konzept der “Flipped classrooms” z. B. kann für einen lebhaften Austausch in Vorlesungen und Seminaren sorgen und diese attraktiver machen. Hierbei bieten sich Möglichkeiten wie live Abstimmungen und Quizfragen. Durch e-Assessments können Prüfungen realitätsnäher gestaltet werden und Selbsteinschätzungstests ermöglichen den Studierenden regelmäßiges 2 Feedback zum eigenen Lernerfolg.1 2 Die neuen Lehrformate erfahren eine hohe Zustimmung und Akzeptanz bei den Studierenden. Sie bringen Lernerfolg und sind ebenfalls (mindestens) so zielführend wie klassische Formate.3 Durch die digitalen Lehrformate kann der theoretische Unterricht praxisnäher erfolgen und die Qualität des Medizinstudiums sowie der zukünftigen Gesundheitsversorgung weiter gefördert werden. Wichtig ist es, die Digitalisierung der Lehre nicht wegen des Digitalisierens allein voran zu bringen, sondern mit dem Ziel die Qualität des Studiums zu verbessern und die zukünftigen Ärzte und Ärztinnen von morgen auf eine digitalisierte Welt vorzubereiten.

Dr. Hans-Peter Peters

Stellvertretender Vorsitzender des Hartmannbundes Westfalen-Lippe
Facharzt für Urologie, Praxis (Bochum)

»Wir sollten das Know-how unserer jungen Ärztegeneration noch viel stärker nutzen – auch wenn es darum geht, die Bedenken älterer Kollegen beim Thema E-Health zu überwinden.«

+ Digitalisierung gemeinsam mit der Ärzteschaft für die medizinische Versorgung nutzbar machen

Der Hartmannbund fordert die Politik auf, die Digitalisierung gemeinsam mit der Ärzteschaft für die medizinische Versorgung nutzbar zu machen. Der Einsatz digitaler Techniken muss sich an den medizinischen Gegebenheiten und Notwendigkeiten orientieren und darf kein Selbstzweck sein. Grundvoraussetzung sind eine flächendeckend verfügbare und funktionierende Infrastruktur sowie verpflichtende Vorgaben zur Kompatibilität und Interoperabilität. Dabei sind Vorgaben wenig hilfreich, die auf politischen Entscheidungen beruhen, die sich weder inhaltlich noch technisch an der Versorgungsrealität und dem Datenschutz orientieren. Vielmehr sind solche Vorgaben – vor allem hinsichtlich der Akzeptanz in der gesamten Bevölkerung – kontraproduktiv. Die Ärzteschaft ihrerseits steht in der Pflicht, die Digitalisierung zum Nutzen der Patienten zu gestalten und einzusetzen. Das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis darf dabei nicht ausgehöhlt, sondern muss befördert werden. Dazu kann auch Big Data eine wesentliche Rolle spielen – zum Beispiel zur fachübergreifenden Diagnoseerhebung, die die therapeutische Entscheidung positiv unterstützen kann. Der Datenschutz muss dabei in jedem Falle gewährleistet sein.

Dr. Matthias Bramkamp

Facharzt für Allgemeinmedizin, Praxis (Bochum)

»Wir brauchen eine Offenheit für die digitale Zukunft der Medizin. Nur so können wir unsere Patienten auch in Zukunft gut und zeitgemäß versorgen.«

+ Umfangreiche Digitalisierung der Klinikinfrastruktur

Der Hartmannbund fordert die politischen Entscheidungsträger und die Kostenträger dazu auf, umfangreiche Förderprogramme zur konsequenten und nachhaltigen Finanzierung der Digitalisierung im Krankenhaus umzusetzen. Ziel muss eine Digitalisierung aller dafür geeigneter Prozesse sein ohne eine zwanghafte Beeinflussung durch bisher schon vor Ort vorhandene IT-Lösungen. Das derzeitige Modell ist unterfinanziert, so dass in der Regel nur Teillösungen von den Kliniken realisiert werden können, was zum Beispiel zur Doppeldokumentation und anderen ineffizienten Abläufen führt. Begründung: Viele Prozesse in den Abläufen der Kliniken sind inzwischen digitalisiert. Gleichzeitig ist das Nebeneinander von digitalen und papiergebundenen Prozessen trauriger Alltag in den Kliniken. Weiterhin ist die Nutzung vieler digitaler Inhalte nur auf niedrigem Niveau möglich, da zum Beispiel eingescannte Dokumente nur gelesen und nicht weiterverarbeitet werden können. Dieser Umstand führt zu unnötiger Mehrarbeit des gesamten Klinikpersonals und zu weniger Zeit für die tatsächliche Patientenversorgung. Derzeitige Digitalisierungsstrategien müssen vielfach sehr kleinschrittig umgesetzt werden und sich gleichzeitig stark an vorhandenen Strukturen orientieren, da die Investitionsmittel für eine umfassende Digitalisierung fehlen. Für die genannte Umsetzung sind die bisherigen Investitionsmittel und Förderprogramme nicht ausreichend und müssen zweckbezogen ausgebaut werden.

Dr. Tanja Heuermann

Fachärztin für Innere Medizin/Hausarzt (Münster)

»Ob Telemedizin, Beratung per Chat oder die elektronische Akte: Die Digitalisierung verändert unseren Berufsstand grundlegend. Wir müssen die Chancen ergreifen und diesen Wandel aktiv mitgestalten, im Sinne unserer Patienten.«

+ E-Health – Herausforderung annehmen, Versorgung verbessern

Der Hartmannbund bekennt sich zur Verantwortung und zur Bereitschaft der Ärzteschaft, den Einsatz und die Weiterentwicklung von E-Health aktiv mitzugestalten und dessen Möglichkeiten unter dem Aspekt einer Verbesserung der Versorgung von Patientinnen und Patienten sowie mit Blick auf die Optimierung von Arbeitsprozessen von Ärztinnen und Ärzten bestmöglich zu nutzen und voranzutreiben. Der Hartmannbund bezieht sich dabei ausdrücklich auf die WHODefinition von E-Health als den kostengünstigen und sicheren Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien mit dem Ziel, die allgemeine Gesundheit und gesundheitsbezogene Bereiche zu fördern. Der Hartmannbund hat dabei sowohl die Gesundheitsversorgung, Prävention, Forschung und Lehre als auch administrative Prozesse im Blick. Digitalisierung findet in allen Lebensbereichen statt und macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht halt. Bisher ist die Gesellschaft dieser Entwicklung oft einen Schritt voraus, und verschiedene Akteure des Gesundheitswesens drohen von dieser Entwicklung „überrollt“ zu werden. Der Arzt als Zweitmeinungslieferant? „Dr. Google“, Selbstvermessung durch Health-Apps und Gesundheitstracker sind Ausdruck gewachsener Patientenautonomie und eines veränderten Selbstverständnisses. Auch die rasant wachsenden Anwendungsmöglichkeiten in der Telemedizin – nicht zuletzt als immer wichtiger werdender Faktor der Versorgung in der Fläche –, die Chancen neuer Versorgungsansätze durch das Sammeln von Daten oder das gestiegene Bedürfnis nach fachlicher Vernetzung verändern den Ist-Zustand des Gesundheitswesens in einem kontinuierlichen Prozess. Die Forcierung des Einsatzes von E-Health ist dabei keineswegs nur Ausdruck gestiegener technischer Möglichkeiten oder originär versorgungsrelevanter Gesichtspunkte. Sie erklärt sich auch aus gesellschaftlichen Veränderungen. So hat sich der Stellenwert von Arbeit verändert. Der klassische Acht-Stunden-Tag ist zwar noch immer das am häufigsten vertretene Modell, der zunehmende Wunsch nach Flexibilisierung oder auch nach Verkürzung von Arbeitszeiten machen jedoch neues Denken und den Einsatz auch neuer technischer Möglichkeiten erforderlich. So erleichtert die arztgeführte sektorenübergreifende elektronische Fallakte die Integration von Teilzeitbeschäftigten. Insbesondere diese Fallakte bietet nach Zustimmung durch den Patienten die Chance einer besseren, da gezielteren Patientenversorgung.

Die Ärzteschaft ist gefordert, diese Entwicklung als Realität anzuerkennen. Dabei im Wesentlichen Akteur und nicht Reagierender zu sein, ist angesichts des Tempos der Entwicklung neuer technischer Anwendungsmöglichkeiten eine permanente Herausforderung. Der Hartmannbund bringt in diesem Zusammenhang seine Überzeugung zum Ausdruck, dass eine im Interesse aller Beteiligten erfolgreiche Entwicklung beim Ausbau und der Nutzung von E-Health nur möglich ist, wenn alle verantwortlichen Player des gesundheitlichen Versorgungsbereiches in einer konzertierten Aktion zusammenarbeiten. Deshalb sind auch die Kostenträger an einem solchen Prozess zu beteiligen. Der Gesetzgeber hat die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von E-Health erkannt und mit dem E-Health-Gesetz den Rahmen geschaffen, der einen geregelten und qualitätsgesicherten Zugang zu digitalisierbaren Prozessen im Rahmen der staatlichen Daseinsfürsorge ermöglicht. Dieser Rahmen ist nun so auszugestalten, dass E-Health einen Mehrwert für Patienten und Ärzte hat. Die Rolle der Ärzte muss dabei in Teilen neu gedacht werden. Die Präsenzmedizin vom orts- und zeitgleichen Zusammentreffen von Arzt und Patient kann nun auch von Prozessen unterstützt werden, die Zeit und Ort der Leistungserbringung voneinander trennen. Besondere Herausforderungen bei der Weiterentwicklung von E-Health sind unter anderem der Ausbau der Telematik-Infrastruktur, die Implementierung entsprechender Hardware in Klinik und Praxis, die Schaffung höchstmöglicher Datensicherheit sowie die Zertifizierung sogenannter Gesundheits-Apps. Hier sind – mit Blick auf den Ausbau leistungsfähiger Datennetze (vor allem in bisher unterversorgten Gebieten) – Telekommunikationsunternehmen ebenso gefragt wie Start-Up-Unternehmen bei der Entwicklung von Gesundheits-Apps oder die Gematik mit der termingerechten Zertifizierung datensicherer Kommunikationstechnik. Datenschutz, die Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht sowie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung sind im Umgang mit E-Health wesentliche Faktoren. Die größtmögliche Sicherheit im Umgang mit hochsensiblen persönlichen Daten ist Basis für das Vertrauen der Patienten im Umgang mit E-Health. Deshalb sind hier alle sinnvollen und technisch machbaren Möglichkeiten des Datenschutzes vorzusehen.